Ideal und Wirklichkeit

Kurt Tucholsky, 1929, Textänderungen (kursiv): Helge Keipert

 

In stiller Nacht und monogamen Betten
denkst du dir aus, was dir am Leben fehlt.
Die Nerven knistern. Wenn wir das doch hätten,

was uns, weil es nicht da ist, leise quält.

 
Du präparierst dir im Gedankengange
das, was du willst – und nachher kriegst dus nie ...
Man möchte immer eine große Lange,

und dann bekommt man eine kleine Dicke –


C'est la vie –

Sie muß sich wie in einem Kugellager
in ihren Hüften biegen, groß und blond.
Ein Pfund zu wenig – und sie wäre mager,
wer je in diesen Haaren sich gesonnt ...
Nachher erliegst du dem verfluchten Hange,
der Eile und der Phantasie.
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke –


Ssälawih

Du willst dir ein weißes I-Phone kaufen
und kaufst das schwarze, andre sind da nicht
Man möchte jeden Morgen dauerlaufen

und tut es nicht. Beinah ... beinah ...


Wir dachten unter merkelischem Zwange
an eine Koalition ... und nun ist's die!
Man möchte immer eine große Lange,           
und dann bekommt man eine kleine Dicke –  

 

Ssälawih